Budano Lino Manazza Silvia

Italien
seit vielen Jahren gemeinsame Arbeiten und Projekte ­­Video-Skulptur, Objekte, ­Installation


«...In diesem Sinn wird Gedächtnis gleichbedeutend mit der Schaffung des Abwesenden und repräsentiert das Andauern dessen, was nicht mehr ist, und konstituiert so ein System von Identität, das sich über das Werden realisiert...»

Installation «La memoria dell’acqua»
In uns allen ist eine gewisse Erinnerung an das Wasser vorhanden – vom ersten Kontakt mit diesem Primärelement während der Entwicklung unseres Körpers im Mutterleib und durch das Fruchtwasser. Wasser ist auch das verbreitetste Element in unserem Organismus, wodurch es die Funktion eines ­verbindenden Gewebes zwischen den verschiedenen Körperteilen annimmt. Das Wasser behält diesen Aspekt einer «trait d’union» auch in der Videoinstallation «La memoria dell’acqua» von Silvia Manazza und Lino Budano, die sich aus vier Teilen zusammensetzt: aus einem Monitor, über den ein jeweils verschiedenes, kurzes Video übertragen wird und einer Skulptur, einem Wachsabguss, der den oberen Teil eines menschlichen Kopfes darstellt, der immer wieder vorkommt und sich aus stehendem Wasser erhebt, als wäre er ein unbeweglicher und stummer, wenn auch denkender Beobachter.

Über diese Abfolge von unterschiedlichen Elementen entwickelt sich eine «ars reminiscendi», die vom Wasser vermittelt wird, und deren Entstehung und Mechanismen auch die heutige Wissenschaft noch nicht in ihrer ganzen Komplexität erfassen kann.

Tatsächlich sind im ersten Video die Hände von Silvia Manazza zu sehen, die die Erinnerungen im ­Gedächtnis durch die Schrift festzuhalten sucht, die jedoch nur schemenhaft erscheinen oder überhaupt nicht mehr reproduziert werden können;

Im zweiten Video bildet der durch die Schichtung des Wassers gebildete Rost das Substrat, in dem sich die Erinnerungen absetzen und entstehen;

Im dritten Video ist die Schrift, die bereits im ersten Video auftauchte, schon deutlicher, wenn auch das Wasser nach wie vor in seinen Konturen verschwimmt;

Im vierten Video erscheint schließlich ein halber Kopf aus Wachs, der zu verstehen gibt, dass sich der mnemotische Prozess in Entstehung befindet. Damit bewegen wir uns von einem unbestimmten und fernen Gedächtnis im Unbewussten zu dessen Auftauchen im bewussten Ich – von dessen erstem Erscheinen in der wirklichen Dimension bis zum tatsächlichen Prozess der Ausarbeitung, der in einigen Fällen auch die Dimension des Traums streift, ohne es jedoch dem Betrachter zu ermöglichen, die exakte Dynamik dieses geheimnisvollen Vorgangs zu erfassen. Das Gedächtnis ist in der Tat Zeuge des einzig­artigen Charakters des Menschen: die Wahrnehmung des Nichts und die Fähigkeit, über diesem Abgrund jenes einzigartige und paradoxe Gebäude zu errichten, das der Gedanke ist.

In diesem Sinn wird Gedächtnis gleichbedeutend mit der Schaffung des Abwesenden und repräsentiert das Andauern dessen, was nicht mehr ist, und konstituiert so ein System von Identität, das sich über das Werden realisiert.
Veronica Pirola, Curator Museo Mantua et Museo Pavia, Italien