
1947, Schweiz
Heinz Aeschlimann steht sowohl als Unternehmer als auch Künstler „zwischen Widerstand und Harmonie von Natur, Technik und Mensch“, wie es selber treffend beschreibt. Die alltägliche Beschäftigung mit verschiedenen Materialien, mit Bitumen, Asphalt, mit Metallen, roh oder in verschiedenen Legierungen, fasziniert den Künstler immer wieder aufs Neue. Heinz Aeschlimann hat sich in der internationalen Kunstszene einen Namen als innovativer Künstler gemacht, der die Welt der modernen Skulptur um neue Erfahrungen erweitert und bereichert. Aeschlimann sprengt Grenzen - in jeder Hinsicht; in der Kunst wie auch im Leben. Denn Heinz Aeschlimann ist eine der seltenen und kreativen Mehrfachbegabungen unserer Zeit. Aeschlimann ist gelernter Bauingenieur, ein international bekannter Spezialist für Guss-Asphalt. Aeschlimann sieht sich mit einer gesamtheitlichen Herausforderung konfrontiert, geht es doch in der modernen Gestaltung des öffentlichen Raums um die zentrale urbanistische Herausforderung unserer Epoche. Schön früh hat Aeschlimann intuitiv erkannt, dass seine Ziele nur im Zusammenspiel von künstlerischer Vision, technischem Know-how, philosophischer Erkenntnis, Dynamik, gesellschaftlichem Engagement und Durchsetzungskraft realisierbar sind. Deshalb ist die Gleichzeitigkeit seiner verschiedener Begabungen und Aktivitäten kein Widerspruch, sondern substanzielle Voraussetzung zum Gelingen. Asphalt ist ein natürlicher Grundstoff, den Heinz Aeschlimann wie kein anderer kennt. Seit Jahren experimentiert Aeschlimann mit diesem faszinierenden, geheimnisvollen Material, dessen Ursprünge weit in die Antike zurückreichen. Eine völlig neue, aufregende Phase in Aeschlimanns Schaffen leiten die Gussasphalt-Pyramiden ein. Das universelle Symbol der Pyramide mit seiner die Menschen verschiedener Kulturkreise faszinierenden perfekten Form lässt Aeschlimann nicht mehr los. Wie viele Künstler der Moderne sucht er nach neuen, nie zuvor erreichten Wirkungen. Wie wäre es, eine Pyramide aus Asphalt zu bauen? Bekanntlich dient Gussasphalt traditionellerweise für den horizontalen Einsatz als Belag von Strassen- und Plätzen. Während Jahren verfolgt den Künstler die Vision, das vielseitige und ursprüngliche Material mit seiner einzigartigen Ausstrahlung und Energie eines Tages auch vertikal einsetzen zu können, um neue Formen zu schaffen. Aeschlimann stellt zahlreiche Versuche an, laboriert und experimentiert. Dank einer speziellen Zusammensetzung und der Beimischung von Stabilisationsadditiven erreicht Aeschlimann schliesslich eine neue Asphalt-Qualität. Damit wird es erstmals möglich, Gussasphalt auch vertikal zu verarbeiten. In unregelmässigen Abständen streut der Künstler glitzernde Quarzsplitter in das Material. In der später aus der Form befreiten und umgekehrten Pyramide durchbrechen die kleinen Quarzsplitter die Kanten der Asphaltpyramide, lockern diese auf und kontrastieren zur schwarzblauen Materie des Gussasphaltes. Die Quarzsplitter werden zu Zeichen, zu Spuren – und wirken wie Ankündigungen einer verborgenen Botschaft. Die pyramidalen Flächen erhalten durch die monochrome Asphaltmaterie eine hypnotische Kraft. Je nach Stimmung und Beleuchtung erleben wir das Suggestiv-Magische der Gussasphalt-Pyramide auch als verhaltene Schönheit mit einem hohen farbigen Reiz, der zu meditativen Betrachtungen anhält. Assoziationen an alte Tempelmauern steigen auf, die den Bezirk des Heiligen verhüllen. Gedanken an verschlossene Türen und dahinter sich öffnende labyrinthische Gänge werden wach gerufen.
Was sich an diesem Material zeigt, lässt sich auch auf die Beschäftigung mit anderen Materialien sinngemäss sagen. In der Bearbeitung erfährt Heinz Aeschlimann das Material von seiner „inneren“ Seite: Es eignet sich einmal für organisch geschwungene Formen, einmal für dynamisch übereinander geschichtete Eisenplatten oder sich verschränkende und vernetzende Einzelteile. Aeschlimann lotet auch die Grenzen der Materialien aus. Wenn er sie den Kräften einer Sprengung aussetzt, entstehen seltsame konkave, konvexe oder nie gesehene neue Verformungen. Die Vielfalt der Ausdrucksformen sind auf diese gesamtheitliche Auseinandersetzung mit Materie – handwerklich, geistig, prozesshaft - zurückzuführen. Im Tiefsten geht es dem Künstler um die Suche nach neuen Harmonien und Gesetzmässigkeiten. - Aber auch die Frage der Dimension beschäftigt Aeschlimann. In der Ausstellung präsentiert er Kleinskulpturen, die in ihrer Gestaltung voller geladener Energie erscheinen und den Betrachter in ihren Bann ziehen, aber auch andere Künstler beeindrucken und zu eigenem Tun anregen.
Roy Oppenheim, Publizist, Kunsthistoriker